1-3 December 2021
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Abgesagt: Widersprüchliche Verbindungen im transnationalen Nahrungs- und Agrarsystem: Zwischen Separat- und Miteinandersein innerhalb feministischer Kämpfe für Ernährungssouveränität im globalen Süden und Norden

2 Dec 2021, 17:00
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Speaker

Dr Christine Löw (Universität Göttingen)

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Widersprüchliche Verbindungen im transnationalen Nahrungs- und Agrarsystem: Zwischen Separat- und Miteinandersein innerhalb feministischer Kämpfe für Ernährungssouveränität im globalen Süden und Norden

Bisher wurden innerhalb feministischer Ansätze Kämpfe für Ernährungssouveränität vor allem im Hinblick auf Frauen aus dem globalen Süden diskutiert. Ausgehend von der brasilianischen Bauernbewegung La Via Campesina ist es feministischen scholar activists gelungen, zentrale Inhalte, Kritiken und Organisationsstrukturen der transnationalenBauernbewegung zu transformieren: das Konzept Ernährungssouveränität umfasst nach der reformulierten Nyeleni-Deklaration 2007 nun als ein wesentliches Ziel Geschlechtergleichheit und Bekämpfung von patriarchaler Unterdrückung bzw. Herrschaft (Forum for Food Sovereignty 2007). Hingegen haben sich in Europa, und v.a. in Deutschland, Österreich und der Schweiz, bisher nur wenige Geschlechterforscherinnen mit Nahrungsmittelproduktion und Landwirtschaft beschäftigt. Angesichts der Diskussionen um Klimawandel, des Aufkommens der sozialen Bewegung Fridays for Future und aktuell der COVID 19-Pandemie ändert sich das momentan: vermehrt werden auch innerhalb von feministischen Bewegungen und Geschlechterforschungen im globalen Norden Ernährungs- und Umweltfragen, solidarische Landwirtschaft sowie die Bedeutung von Lebensmittelproduktion thematisiert. Queer-feministische Zugänge hinterfragen die weiße, heterosexuelle Männlichkeit des Traktorfahrens (Goia/von Redecker 2018) und jüngste feministische Philosophien verknüpfen mit Bezug auf ‚Leben‘ radikalen Klimaaktivismus von Ende Gelände mit kapitalismus- und rassismuskritischen queer Feminismen (von Redecker 2019). Vor diesem Hintergrund stelle ich in meinem Beitrag erstens die zentralen Elemente eines feministischen Modells von Ernährungssouveränität, das intersektional und transformativ ausgerichtet ist. Ich greife dabei hauptsächlich post-/dekoloniale, nicht-essentialistische öko- und queer feministische Überlegungen auf. Im zweiten Schritt untersuche ich Ansatzpunkte für eine geschlechtssensible kollektive Bezugnahme auf Ernährungssouveränität für Frauen* aus dem globalen Süden und Norden mit intersektional verschiedenen Vulnerabilitäten und Handlungsmöglichkeiten. Im Mittelpunkt steht hierbei die Frage, ob trotz eines gemeinsamen Miteinander-in-der-Welt-Seins unterschiedliche/ungleiche Verantwortlichkeiten für u.a. EU-Milchpulverexporte nach Indien und Westafrika, Zunahme fleischintensiver Ernährung in Deutschland etc. bestehen und wie diese zu adressieren sind (Food Sovereignty Alliance India 2017). Abschließend frage ich im dritten Teil, wie vor dem Hintergrund des bereits stattfindenden Klimawandels feministische Allianzen für eine nachhaltige Zukunft möglich sind: Welche Bündnisse zwischen geopolitisch anders bzw. getrennt situierten feministischen Gruppen zeichnen sich im Feld von Ernährungssouveränität ab (Löw 2020)? Wie gehen gesellschaftskritische intersektional und/oder postkoloniale Feminist:innen mit vermeintlich universellen Solidaritäten, Interessen, Bündnissen etc. um (Krishna 2015)? Und wie positionieren sich indigene, communale und/oder populare Feminismen, die Konflikte um Rechte auf Land und natürliche Ressourcen als Mitglied/Teil von nicht explizit feministischen Bewegungen sowie Gemeinschaften (non-feminist others) führen wollen (Paiva 2014; Graneß et al.2019)?


Literatur
Food Sovereignty Alliance India (2017): The Milk Crisis in India: The story behind the numbers.Coventry.
Gioia, Paula/Redecker, Sophie von (2018): Queerfeldein. Queerfeministische Perspektiven auf die Bewegung für Ernährungssouveränität. LuXemburg: Dossier Ernährungssouveränität. https://www.zeitschrift-luxemburg.de/queerfeldein.
Graneß, Anke/Kopf, Martina/Kraus, Magdalena (2019): Feministische Theorie aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Wien.
Krishna, Sumi (2015): Women’s Transformative Organizing for Sustainable Livelihoods: Learning from Indian Experiences. In: Rawwida Baksh/Wendy Harcourt (Hrsg.): The Oxford Handbook of Transnational Feminist Movements. Oxford, S. 837–854.
La Via Campesina (2007): Declaration of Nyéléni, 27.02.2007. Nyéléni Village, Sélingué, Mali: Forum for Food Sovereignty. https://viacampesina.org/en/declaration-of-nyi/
Löw, Christine (2020): ‚In Verteidigung unserer natürlichen Ressourcen‘: Postkoloniale ökologische Bewegungen, Geschlechterverhältnisse und die Sicherung von Existenzgrundlagen. In: Johanna
Leinius/Heike Mauer (Hsrg.): Intersektionale und postkolonial-feministische Perspektiven als Instrumente einer politikwissenschaftlichen Macht– und Herrschaftskritik. Opladen, Berlin, Toronto, S. 225-249.
Paiva, Rosalia (2014): Feminismo paritario indígena andino. In: Yuderkys Espinosa Miñoso/Diana Gómez Correal/Karina Ochoa Muñoz (Hrsg.): Tejiendo de otromodo: Feminismo, epistemología y apuestas descoloniales en Abya Yala. Popayán.
Redecker, Eva von (2019): Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt M.

Primary author

Dr Christine Löw (Universität Göttingen)

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