1-3 December 2021
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Die Konferenz wird auf Grund der COVID-19 Situation online abgehalten.

Doing Memory an rechte Gewalt gegen Frauen*: Perspektiven kämpferischer Erinnerung für eine Gesellschaft der Gleichen

2 Dec 2021, 10:00
30m
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Speakers

Dr Tanja Thomas (Eberhard Karls Universität Tübingen) Dr Fabian Virchow (Hochschule Düsseldorf)

Description

Doing Memory an rechte Gewalt gegen Frauen*: Perspektiven kämpferischer Erinnerung für eine Gesellschaft der Gleichen

Nur unter großen Anstrengungen haben in den vergangenen Jahren Betroffene und Überlebende rechter Gewalt ihre Perspektive und ihre Erfahrungen hör- und sichtbar machen können; vielfach stritten sie als Teil von oder in Kooperation mit aktivistischen Zusammenhängen dafür, dass rechte Gewalt in seiner politischen Funktion als soziale Platzanweisung wahrgenommen wird und dabei auch die strukturellen Diskriminierungs- und Ausschließungsmechanismen thematisiert werden.
Das partizipatorisch angelegte Projekt „Doing Memory an rechte Gewalt“ rekonstruiert solche Kämpfe; es rückt dabei Praktiken des Erinnerns an rechte Gewalt und ihres ‚Vergessens‘ in seiner historischen, politischen und sozio-ökonomischen Bedingtheit in den Mittelpunkt. Damit zeigt es einerseits die Kontinuitäten alltäglicher, institutioneller und struktureller Diskriminierung und Gewalt auf, macht andererseits aber auch die Praxen des politischen Widerstands von Betroffenen und solidarischen Unterstützerinnen sichtbar. Schließlich diskutiert es die Voraussetzungen, um Doing Memory an rechte Gewalt zu einer von solidarischen Bündnissen getragenen „intersektionalitätsbewussten Erinnerungspraxis“ (vgl. Leidinger 2015: 35) zu machen.
Praxen des Erinnerns an rechte Gewalt sind in ihrer Zielsetzung, Einfluss auf die hegemoniale Erzählung und damit auch die Regeln zu nehmen, wie wessen und welche Erinnerungen in öffentlichen Räumen artikuliert und in einer Gesellschaft relevant gesetzt werden, notwendig konflikthaft. Dies zeigt sich an vielen Orten, an denen die Betroffenen und Unterstützerinnen
aus einem Doing Memory an rechte Gewalt ausgeschlossen worden sind und werden: Erst kürzlich wurde dem Vater des in Hanau am 19. Februar 2020 ermordeten Ferhat Unvar der Zugang zu einer Bühne verweigert, auf der Bundespräsident Frank-Peter Steinmeier den rechtsterroristischen Terroranschlag „unerklärlich“ nannte. Die Chancen des Erinnerns an rechte Gewalt aus der Perspektive Betroffener sind aber nicht allein aufgrund fehlender Ressourcen prekär; auch wenn Betroffene offensiv sprechen und Forderungen erheben, trifft ihr Sprechen häufig auf „selective hearing“ oder „strategic deafness“ (Abena Busia 1989/90, zit. nach Dhawan 2012: 52).
Im Mittelpunkt der Kämpfe um anerkennende Erinnerung stehen bisher vor allem rechte Gewalttaten, die aus antisemitischer oder rassistischer Motivation begangen wurden. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass bei zahlreichen solcher Gewalttaten antifeministischer Frauenhass handlungsleitendes Motiv war. Diese werden vielfach als ‚tragische Beziehungstat‘ interpretiert oder mit ‚Eifersucht‘ erklärt. Ein genauerer Blick offenbart jedoch auch hier, dass die Taten, die sogar explizit mit Frauenhass begründet werden, auf gesellschaftlichen Macht- und Gewaltstrukturen aufsetzen. Der Vortrag buchstabiert die Perspektive eines Erinnerns an rechte Gewalt gegen Frauen aus und stellt Kämpfe um Anerkennung vor. Erinnern an Gewalt, das gesellschaftliche Auseinandersetzung ermöglicht und Konflikte freilegt, so dass das derzeit nicht-hegemoniale Wissen und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Glauben an weiße, männliche Vorherrschaft gesellschaftstransformierende Resonanzen hervorrufen kann, benötigt ‚radikale Multiperspektivität‘ (vgl. Bull/Clarke 2020: 5). Ohne die Erfahrungen und Perspektiven der Betroffenen und Überlebenden ist ein solches Erinnern schlichtweg undenkbar; es darf ihnen aber nicht alleine aufgebürdet werden und bedarf der politischen Durchsetzung symbolischer und materieller Voraussetzungen. Welche dies sind, diskutieren wir anhand ausgewählter Praktiken des Erinnerns an rechte Gewalt gegen Frauen, die darauf zielen, in hegemoniale Erinnerungserzählungen einzugreifen – dies beinhaltet zentral auch die Frage nach bündnispolitischen Perspektiven (vgl. Perinelli 2020: 356) und den Möglichkeiten, das Leid der Opfer zu beklagen, den gesellschaftlichen Kontext von Frauenhass kritisch aufzurufen und für gleiche Rechte in einer Gesellschaft der Vielen einzutreten.


Dr. Tanja Thomas ist Professorin für Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Transformationen der Medienkultur an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre richten sich auf (Kritische) Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorien, Mediensoziologie, Feministische Medien- und Kommunikationswissenschaft, Cultural (Media) Studies und Memory Studies. In ihren aktuellen Forschungsprojekten widmet sie sich der Analyse von Protest in postmigrantischen Gesellschaften sowie Praktiken der Erinnerung an rechte Gewalt in gegenwärtigen Medienkulturen.

Dr. Fabian Virchow ist Professor für Theorien der Gesellschaft und Theorien politischen Handelns an der Hochschule Düsseldorf; dort ist er in der Studiengangsleitung des MA Empowerment Studies. Als Leiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus forscht und publiziert er seit vielen Jahren zur Geschichte, Weltanschauung und Praxeologie der extremen Rechten sowie zu gesellschaftlichen Antworten auf menschen(rechts)feindliches politisches Handeln.


Literatur
Bull, Anna Cento/Clarke, David (2020): Agonistic interventions into public commemorative art: An innovative form of counter-memorial practice? In: Constellations. An International Journal of Critical und Democratic Theory. Online first (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/1467-8675.12484), 1–15.
Dhawan, Nikita (2012): Hegemonic Listening and Subversive Silence. Ethical-political Imperatives. In: Lagaay, Alice/Lorber, Michael (eds.): Destruction in the Performative. Amsterdam, New York: Brill, 47–60.
Leidinger, Christiane (2015): Zur Politik der Platzbenennung. Überlegungen für eine Geschichtspolitik und historische Erinnerungskultur als gegenhegemoniale Wissensbildung entlang von Intersektionalitäts(- bewusstsein), Empowerment und Powersharing. In: Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten, 17/2015, 9–47.
Perinelli, Massimo (2020): 30 Jahre NSU-Komplex – 30 Jahre Migrantifa. Postmigrantische Selbsbehauptung von Mauerfall bis heute. In: Lierke, Lydia/Perinelli, Massimo (Hg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecherverlag, 339–359.

Primary authors

Dr Tanja Thomas (Eberhard Karls Universität Tübingen) Dr Fabian Virchow (Hochschule Düsseldorf)

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