1-3 December 2021
Zoom
Europe/Vienna timezone
Die Konferenz wird auf Grund der COVID-19 Situation online abgehalten.

Wer heute von Solidarität redet, darf von Identitätspolitik nicht schweigen?

1 Dec 2021, 14:45
30m
Zoom

Zoom

Speaker

Dr Michaela Zöhrer (Universität Augsburg)

Description

Wer heute von Solidarität redet, darf von Identitätspolitik nicht schweigen?

Der geplante Vortrag betont, dass Differenzen und Konflikte im Rahmen bestehender oder möglicher Bündnisse und Gemeinschaften keineswegs notwendig destruktiv sind oder sein müssen. Ausgangspunkt meiner Überlegungen sind die seit wenigen Jahren vermehrt auszumachenden und kaum abflauenden Debatten zu Identitätspolitik.
Diskussionen zu Identitätspolitik und dazu, was hinter dem Begriff/Phänomen alles an konstruktivem wie auch destruktivem Potential steckt, sind in den letzten Jahren aus dem Dunstkreis aktivistischer Debatten (die als solche auch wissenschaftlich begleitet und inspiriert waren/sind) in die Gefilde des zum Beispiel englisch- und deutschsprachigen Feuilletons sowie die populärwissenschaftliche Blogosphäre vorgedrungen. Ist man um einen Überblick zu dieser heute breit gestreuten, vielgestaltigen und divers ‚verwurzelten‘ Debatte bemüht, kann man auf folgende drei Varianten bzw. Stränge einer Thematisierung von Identitätspolitik stoßen: Erstens scheint der Begriff aktuell für unzählige ‚Stellvertreterkriege‘ Pate zu stehen bzw. herhalten zu müssen. Er ist im Zuge dessen zum klar negativ konnotierten Kampfbegriff avanciert wie vor ihm bspw. schon Political Correctness – und das keineswegs nur in politisch klar nach rechts tendierenden Gruppierungen und Zusammenhängen. Zweitens und parallel dazu sind Debattenbeiträge auszumachen, welche die Tradition emanzipatorisch-identitätspolitischer Bestrebungen, Bewegungen und auch Kontroversen hochhalten. Drittens lässt sich feststellen (und das spiegelt sich, wenn auch oft eher implizit, durchaus auch in den ersten beiden Strängen wider), dass gegenwärtig noch dezidiert um das gerungen wird, was mit dem Begriff „Identitätspolitik“ zuvorderst assoziiert und benannt werden soll und was nicht.
Eine zentrale These, die ich mit meinem Vortrag gerne anhand näherer Betrachtungen dieser drei Stränge verfolgen und plausibilisieren möchte, ist: Wenn Identitätspolitik aktuell von Seiten „Dritter‘ als stets oder vorrangig negativ konnotierte Kategorie (ein-)geführt wird, dann geht damit eine Form der Enteignung einher: Namentlich wird eine der zentralen Selbst-Verständigungschiffren u. a. feministischer Bewegungen diesen abspenstig (und madig) gemacht. Dabei ist zugleich zu berücksichtigen, dass Identitätspolitik als bewegungsinterne Chiffre nicht unbedingt – ja, kaum – auf Konsens zielt(e), sondern stattdessen als ein Ausdruck dafür gelesen werden kann, dass Konfliktlinien und (intersektionale) Differenzen, wenn nicht zelebriert, dann doch denkbar, benennbar und der Diskussion zugänglich gemacht wurden und immer noch werden. Ich lese Identitätspolitik demzufolge konflikttheoretisch als Ausdruck der zuvorderst binnen-konfliktiven Austragung von (sozialen wie epistemischen) Differenzen und Widersprüchen, die der Selbst-Verständigung dient. Eine solche Selbst-Verständigung schließt die Möglichkeit von Spaltungen und ‚Beißreflexen‘ mit ein, verweist aus meiner Sicht aber vor allem auf Potentiale des Verbunden-Seins/-Werdens in Differenz – auf Potentiale, die es auch bewusst nutzbar zu machen gilt


Dr. Michaela Zöhrer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Augsburg und als politische Bildnerin tätig (v.a. kritisches Globales Lernen, Menschenrechtsbildung). Zentrale Interessensschwerpunkte der Soziologin und Friedens- und Konfliktforscherin liegen in den Bereichen Globalisierungsforschung, NGO- und Soziale Bewegungsforschung sowie (Visual) Cultural Studies. Inspiriert von u.a. feministischen und postkolonialen Epistemologien setzt sie sich aktuell verstärkt mit Politiken der Differenz auseinander.

Primary author

Dr Michaela Zöhrer (Universität Augsburg)

Presentation Materials

There are no materials yet.