1-3 December 2021
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Feministische Re-Existenz: Potential und Politiken pluriversaler Solidaritäten

2 Dec 2021, 15:00
30m
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Speaker

Dr Johanna Leinius (Universität Kassel)

Description

Feministische Re-Existenz: Potential und Politiken pluriversaler Solidaritäten

Die kapitalistische „extraktive“ Logik, die auf der Ausbeutung von Natur und Mensch zur Produktivitätssteigerung beruht, gerät zunehmend an ihre sozial-ökologischen, aber auch politischen und sozialen Grenzen. Dies äußert sich in verschiedenster Weise, unter anderem in Auseinandersetzungen um den Wert und die Bedeutung von Leben oder, wie es die Philosophin Eva von Redecker (2020) ausdrückt, in der „Revolution für das Leben“: Unterschiedlichste zeitgenössische Bewegungen – Fridays for Future, #Blacklivesmatter oder #Niunamenos – würden in ihrem gemeinsamen Ziel, der Rettung des Lebens vor kapitalistischer Zerstörung, zusammenkommen. Aus unterschiedlichen Positionalitäten nehmen auch postkoloniale und dekoloniale Perspektiven und die environmental humanities Bezug auf ein Verständnis von Leben, das die produktive und widerständige Kraft der vielfältigen Verbindungen zwischen allem In-der Welt-Seienden in den Mittelpunkt stellt. In meinem Vortrag setze ich diese Ansätze in Bezug zu lateinamerikanischen Debatten, in denen das Konzept der „Re-Existenz“ oder „Rexistenz“ vorgebracht wird, um die Verbindung zwischen Widerstand („resistencia“) und bestimmten Arten zu leben („existencia“), die der extraktiven Logik entgegen ständen, zu greifen (Walsh 2013; Lozano Lerma 2016). In diesen Debatten, die aus dem Austausch zwischen Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen entstanden sind, spielt die Verbundenheit mit und die Sorge um die Orte, an denen das Leben reproduziert wird, eine große Rolle. Sie haben Bündnisse zwischen urbanen feministischen Bewegungen und indigenen und ländlichen Bewegungen ermöglicht, die, so mein Argument, auf dem strategischen Missverstehen der unterschiedlichen Lebenswelten und territorialen Zugehörigkeiten beruhen.
In meinem Vortrag diskutiere ich die Potentialität solch einer epistemisch-politischen Haltung, die sich gegen die Notwendigkeit stellt, die Anderen verstehen zu müssen, um Gemeinsamkeiten zu erkennen und solidarische Beziehungen eingehen zu können. Ausgehend von meiner Forschung mit peruanischen Aktivist:innen sowie dem Austausch mit dem lateinamerikanischen ökofeministischen Colectivo Miradas Críticas del Territorio desde el Feminismo (s. https://territorioyfeminismos.org) untersuche ich, welche Bedeutung „Leben“ in den jeweiligen Perspektiven besitzt und welche Positionalitäten und Subjektpositionen durch den Diskurs um die Verteidigung des Lebens gestärkt, aber auch marginalisiert werden. Ist es möglich, die auf unterschiedlichen Ontologien beruhenden Verständnisse der Verteidigung des Lebens zu verbinden, ohne dabei zu essentialisieren oder eurozentrische Logiken zu zentrieren? Wie kann eine solche Politik der Solidarität Verbindungen über geopolitische, kulturelle, aber auch ontologische Grenzen hinweg ermöglichen?


Johanna Leiniusist Post-Doc im Graduiertenprogramm “Ökologien des sozialen Zusammenhalts” an der Universität Kassel. Vorher war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies (FRCPS). Sie ist Mitglied des Sprecher*innenrats der Sektion Politik und Geschlecht der deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft. Ihre Forschungsinteressen sind: postkolonial-feministische und dekoloniale Theorie, lateinamerikanische Frauenbewegungen, Postextraktivismus, politische Ontologie sowie die Politiken kritischer Wissensproduktion und der Konstruktion sozial-ökologischer Alternativen.


Literatur
Lozano Lerma, Betty Ruth 2016: Pedagogías para la vida, la alegría y la re-existencia: pedagogías de mujeresnegras que curan y vinculan. In: [Con]textos 5(19), 11-19.
von Redecker, Eva 2020: Revolution für das Leben. S. Fischer Verlag.
Walsh, Catherine (Hg.) 2013: Pedagogías decoloniales: Prácticas insurgentes de resistir, (re)existir y (re) vivir, tomo 1. Abya Yala

Primary author

Dr Johanna Leinius (Universität Kassel)

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